Das Leben der Schweizer in Ostpreußen

 

Der Weggang

Die eigentliche, durch ein „Patent“ von Friedrich I., aus dem Jahre 1711 ausgelöste Einwanderung in größerer Zahl erfolgt 1712 aus der Schweiz. Dennoch haben sich aus dem Münstertal (Moutier/Grandval) bereits 1710 Schweizer aus dem Jura, dem französisch sprechenden Teil der Schweiz, auf den Weg nach Litauisch-Preußen gemacht. Am 2. März 1710 waren es aus Crémines  Jean und Abraham Gossin. Jean Gossin war zu dem Zeitpunkt 26jährig, Abraham war 22jährig. Sie waren so zu sagen eine der Stammväter der Familien Gossin in Ostpreußen. Abraham Gossin, der das Amt eines Schulzen* inne hatte und von Graf zu Dohna  im Jahre 1711 dazu ausersehen war mit zwei anderen Schweizern (Schulmeister Jean Pierre Capitaine und Schulze Jacques Jeunet) aus Pieragienen wieder in die Schweiz zu reisen, um dort weitere Siedler anzuwerben. Dort tauchten sie im Winter 1711/1712 auf. Sie hatten nach der u. a. Meldung des Grafen zu Dohna sowohl seinals auch das Vertrauen des Königs.** Adam Gossin war 46jährig, sein Sohn Jean G. war 22jährig als sie 1712 - ob sie von Abraham geworben wurde ist unklar - nach Ostpreußen gingen und sich in Pißdehlen ****** ansiedelten


Die Reise

Im Gegensatz zu der Reiseroute der Salzburger Auswanderungsgruppe von 1732 nach Ostpreußen, die bis ins Einzelne nachweisbar ist, ist die der Gruppe aus dem Münstertal im Jahr 1710 nur ab Berlin nachweisbar. Bisher konnte der Weg bis dahin nur vermutet werden. Sowohl die Möglichkeit auf dem Landweg dorthin als die auf dem Weg über Fluss und See, sowie eine Kombination von beidem waren gegeben. Der Weg über die Saale, Elbe nach Norden, von dort dann den Landweg nach Berlin erscheint als der wahrscheinlichere. Von Berlin ging es jedenfalls nach Überlieferung über Müncheberg durch die Neumark über Küstrin und Arnswalde. Ab Razibur wurde die Gruppe von preußischen Beamten durch das damalige Polen bis an die Weichsel geleitet, dann weiter über Marienwerder, Riesenburg und Preußisch-Holland die Ostseeküste entlang über Heiligenbeil nach Königsberg. Von dort wurde die Gruppe auf ihre Stellen über Insterburg nach Pieragienen. das nördlich im Umfeld von Insterburg lag und anderen Orten geführt. Ein Weg von ca. 1500 km. Es waren 34 Familien mit etwa 130 – 140 Personen. (siehe auch Dokumente II.)

 Die Ansetzung

Wie die Dokumente zeigen, war das Leben nicht ganz so einfach, wie man es sich wohl vorgestellt hatte. Nicht überall floss Milch und Honig. Die Landschaft war doch sehr anders als in der alten Heimat. Die Auswirkungen der Pest waren noch nicht überall überwunden, ja es starben sogar Ansiedler noch daran. Dann waren auch die Regulierungen durch die Ansetzungsverträge bestimmt ein Grund für manchen Ortswechsel. Einige hatte nicht den besten Boden zugewiesen bekommen oder hatten nicht so viel Geschick wie der Nachbar. Waren anfänglich die steuerlichen Belastungen sehr unterschiedlich gehandhabt worden, ja nachdemwie viel Eigenkapital der Einzelne mitbrachten, so wurden diese zunehmender ausgefeilter und durch immer wieder neue Regulierungen belastender. Es gab noch Hand- und Spanndienste und ähnlich Belastungen. Von dem bereits erwähnten Abraham Gossin heißt es, „gibt  seine Stellung als Schulze infolge des Scharwerksstreits*** auf, kauft sich als Kölmer**** an. 1730/31 Pächter von Drebolienen, zeitweise auch in Neusatz (?) ansässig.“

Es setzte bald eine Fluktuation ein, ja es gab auch Abwanderungen nach Litauen, Polen oder gar Rückwanderungen in die Schweiz.

Auffällig war, dass die eingewanderten Familien fast nur untereinander heirateten, wie die Taufregister aus Judtschen bezeugen. So sind in der Zeit von 1714 bis 1727 von 180 Trauungen 150 der Ehepartner beide aus der selben landsmanschaftlichen Gruppen. Von den drei reformierten Gemeinden Insterburg, Judtschen und Gumbinnen betrug die zahlenmäßige Stärke der „französischen Kolonie“ 1781 Personen, im Jahre 1745 nur für Gumbinnen und Judtschen  noch 1019 Personen. Im Jahr 1736 stammten in den „Listen der französ. Kolonie in Litauen“ (LFL) von 431 erfaßten Familien, 28% aus dem Kanton Neuchâtel, 35% aus dem Prévoté Moutier-Grandval, 11% aus der Seigneurie d’Erguel, 5% aus anderen Teilen der Schweiz und 20% waren Rèfugiés (Pfälzer, Uckermärker, Rysselaers, Waldenser)*****

Die kirchliche Versorgung war ein Streitpunkt zwischen den Ansiedlern und der preußischen Obrigkeit. Preußen war lutherisch, die Schweizer Kolonisten, wie die Hugenotten waren reformiert, Calvinisten. Was damals fast mehr Unterschied darstellte als heute bei ökumenischer Sichtweise zwischen Protestanten und Katholiken. Vor allem aber sprachen die Einwanderer kein Deutsch, die Pastores kein Französisch. Das führte zu manchem Verdruss, ja soweit, dass sich der König persönlich und seine Provinzialverwaltung um dieses Problem bemühen mussten. (siehe dazu auch Dokumente I.) Es kam zu Gründungen von französisch-reformierten Gemeinden in Judtschen und später auch in Gumbinnen.

Die Namen

Der Wechsel in den Namen ist nicht nur bei den Gossings durch einige Faktoren bestimmt. So ist ja bereits im auslaufenden Mittelalter der Wechsel von Goussin auf Gossin festzustellen, was eine geläufige Praxis auch im Deutschen war. Er ist wahrscheinlich auf Vereinfachung und/oder Lautverschiebungen von Dialekten zurückzuführen. Auch die Schweizer schrieben die französichen Namen frei nach Gehör, wie z. B. Haichement für Echement.

Anders verhält es sich als deutschsprachige Schreiber, die häufig des Französischen nicht mächtig waren und wohl auch wenig Einfühlungsvermögen besassen, die Namen einfach phonetisch schrieben, so wie sie es halt verstanden. Erinnerte der Namen an das Deutsche, wurde verdeutscht oder was man dafür hielt. Es gibt viele Beispiele: Bandelier - Bandler, Camplair - Kampler, Précoz - Brekau usw. Insofern ist ein Gossein, Goßain ja noch fast unverglimpft, so zu sagen glimpflich davon gekommen. Eine Verdeutschung aus ideologischen Gründen ist kaum anzunehmen, da die Bildungsschicht, namentlich der Adel zu der Zeit des Französischen mächtig war. Man bedenke, dass Friedrich II. schlechter Deutsch denn Französisch sprach und schrieb.

Der heutige Name Gossing, also das Anhängen des 'g' an den Namen, ist wohl einfach durch die nasale Aussprache der Namensendung im Französischen zu erklären. So zu sagen ein Minimalismus, so wenig Veränderung wie möglich, so viel Deutsch wie nötig! Das diese Änderung wohl um 1850 stattfand ist wahrscheinlich auf den erwachten Nationalismus der Zeit zu erklären. Es ist auffällig, dass der Johann Gossing bei seiner Geburt 1841 noch Gossain geschrieben wurde, aber in der Verwundetenlisten seines Regiments im Jahre 1866 (Preußisch-Österreichischer Krieg) nach der Schlacht von Trautenau (Trutnov/CZ) als G(r)ossing geführt wird.


Verbindung zur alten Heimat

Die Verbindungen der Schweizer in Ostpreußen zu iher Heimat sind nie ganz abgerissen. So sind etliche Reisen, siehe auch die von Abraham Gossin u. a. 1711/12, bekannt. Auch in schriftlicher Form wurde die Verbindung gehalten. So sind viele der Eintragungen in den Kirchenbüchern z. B. von Grandval, die der Pastor Jean-Philippe Gobat zusammengetragen hat, aus Ostpreußen stammende Informationen über Eheschließungen, Geburten und Sterbefälle.

Darüberhinaus war ein sehr wichtiger Grund das Schweizer Heimatrecht. Danach ist jeder Schweizer in erster Linie Bürger seiner Heimatgemeinde und danach seines Kantons und der Eidgenossenschaft. Dieses Heimatrecht blieb ihm erhalten auch wenn er die Schweiz verließ. Auch seine in der Fremde geborenen Kinder hatten dieses Recht inne, wenn dies der Heimatgemeinde gemeldet und sie dort registriert wurden. Manche sind auch wegen anderer Gründe wie Erbangelegenheiten, Beurkundungen oder sonstiger Art wegen dort gewesen. Aber auch Rückwanderungen hat es gegeben, so dass jüngere, bereits in Ostpreußen geborene Schweizer zurückgekehrt sind und ihre Eltern und Geschwister dort ließen. Aber auch Ältere, die nach etlichen Jahren in Ostpreußen aus Gründen der Unzufriedenheit mit den Umständen sind wieder in die Schweiz zurückkehrten.

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*Schultheiß, Schulz, Scholz hat im westgermanischen Sprachgebrauch eine vielfältige Bedeutung. Hier ist wohl mehr der so genannte Dorfschulze gemeint, nicht der im deutsch-schweizerischen Bereich zu verstehende, der als Schultheiß etwa dem heutigen Regierungspräsidenten in Deutschland entspricht. Ein Dorfschulze hatte eine Vorsteher-, Sprecher-, Ältestenfunktion, die auch mit einer Art Richterfunktion der Niederen Gerichtsbarkeit für geringere Delikte des Alltags verbunden sein konnte.


**Graf zu Donna meldete am 21.April 1711 aus Königsberg an den König, dass einer der Männer, Abraham Gossin "zu Wasser über Lübeck nach der Schweitz reisen [wollte] umb so wohl etwas gelt für sich und andere Mitglieder der colonie als auch umb mehr Leute zu holen und der verstorbenen Plätze zu ersetzen“  

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Die Bezeichnung Scharwerk bezeichnete Arbeiten, die von mehreren Leuten, einer "Schar", abwechselnd für einen Herrn oder einer Domäne zu leisten waren. Nach der Art der Arbeiten kann man unterscheiden zwischen solchen, die der Landwirtschaft des Herrn dienten (zum Beispiel Mithilfe bei der Feldbestellung), die von ländlichen Gewerbebetrieben zu leisten waren (wie Getreide mahlen oder Bier brauen), die das herrschaftliche Verkehrs- und Transportwesen unterstützten (durch Mithilfe beim Straßenbau, Erledigung von Botengängen) und solchen, die zur Herrschaftsausübung beitrugen (durch Bereitstellung von Quartier und Verpflegung für Beamte, Mithilfe beim Bau von Burgen und Befestigungen).

Derartige Leistungen waren meist nach dem Zeitaufwand oder der sachlichen Aufgabe begrenzt und stellten einen Teil des Entgelts für die Überlassung von Leihgütern dar.

Das Scharwerk musste an zwei bis drei Tagen in der Woche geleistet werden, wurde aber oft auch täglich verlangt. Nur an Sonntagen und großen Fest­tagen sollte niemand zum Scharwerk gerufen werden. Eine Befreiung vom Scharwerk musste mit Geld oder Natu­ralien an den Gutsherrn abgegolten werden. Das Scharwerk wurde 1802 in Ostpreußen aufgehoben.


****Als Kölmer bezeichnete man freie Grundbesitzer in Preußen. Wie alle damaligen west- und mitteleuropäischen Sozialordnungen war auch die preußische ständisch strukturiert. Der zahlenmäßig mit Abstand größte und gleichzeitig hierarchisch am tiefsten stehende Stand war derjenige der Bauern, der wiederum in zwei Untergruppen zerfiel: in die nach Kulmer und die nach prußischem Kulmer Recht lebenden Bauern. Das Landrecht von 1685 bewertet den kölmischen Besitz als volles Eigentum. So bilden die kulmischen Bauern – „Kölmer“, wie sie genannt wurden - einen angesehenen Stand, weit über den Bauern stehend. Sie waren Zuwanderer aus dem Westen. Eine der ersten derartiger Siedlungen war die Stadt Kulm

Die Rechte und Pflichten, die für deren Bewohner galten, hatte man in einer Handfeste genannten Urkunde zusammengefasst, die bei der Ansiedlung späterer Zuwanderer als Muster diente. Kölmer hatten der Herrschaft pro Jahr eine gewisse Geldsumme zu erlegen, Naturalien zu liefern und bestimmte Dienstleistungen (wie Reiterdienst bei der Verteidigung des Landes) zu erbringen, die in der Regel in vier bis sechs Tagen abgeleistet werden konnten. Das sogenannte Kölmische Recht gewährte vor allem große Freiheiten, wie die Vererbung des Gutes an Söhne und Töchter, dessen Verkauf, die Befreiung von allem Scharwerk, oft auch die Privilegien der Fischerei, mittlerer und minderer Jagd, Brauerei und dgl. Innerhalb der Gruppe der Freien Grundbesitzer gab es neben den Kölmischen auch noch Magdeburgische, Preußische und Adlige Freie oder Freisassen.


 ***** nach Kenkel, Horst, Sonderschrift Nr. 13, VFFWO e.V.

 

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Wallehlischken oder Pißdehlen (1736), Hagelsberg (1938), Amt Szirgupöhnen Kreis Gumbinnen